Polyphantom-Art

Olga Stein

Polyphantom-Art: Künstlerische Methode und Konzept

Polyphantom-Art ist eine experimentelle psychophysische Strömung in der bildenden Kunst, die auf dem Phänomen des Sukzessivkontrasts basiert.

Physiologische Grundlagen
Die Methode beruht auf der Eigenschaft des visuellen Systems, ein „Phantom“ (ein Nachbild) auf der Netzhaut zu erzeugen. Dabei handelt es sich um eine illusionäre Erscheinung in der Komplementärfarbe, die nach der Fixierung eines farbigen Objekts entsteht. Während das Gehirn diese Phantome im Alltag meist filtert, werden sie in der Polyphantom-Art als eigenständiges Untersuchungselement fokussiert.

Methodik
Die künstlerische Praxis der Polyphantom-Art besteht in der Visualisierung des Phantoms: der Extraktion einer psychophysischen Reaktion aus dem Bereich der subjektiven Wahrnehmung und deren Fixierung auf einer materiellen Ebene. In diesem Prozess wird das Phantom in eine externe künstlerische Sprache transformiert und als eigenständiges Material eingesetzt.

Kernprinzipien:

  • Polyphantomie: Die Setzung, dass die Umwelt nicht nur polychrom (vielfarbig) ist, sondern eine verborgene Ebene von Phantombildern enthält, die durch jedes farbige Objekt initiiert werden.
  • Transformation der Erfahrung: Übertragung der dynamischen Eigenschaften des Phantoms (abhängig von Lichtintensität, Farbe und Expositionszeit) in eine künstlerische Form.
  • Wahrnehmungssynthese: Die experimentelle Verbindung von neurophysiologischem Gedächtnis und dem aktuellen visuellen Prozess.

Polyphantom-Art erweitert die Grenzen des bewussten Seherlebnisses und schafft Bedeutungsebenen, die durch den traditionellen Einsatz von Farbe nicht erreichbar sind.

Formel der künstlerischen Praxis:

Objekt + Licht + Farbe + Phantom = Polyphantom-Art

Kontext und Verifizierung:
Das theoretische Fundament der Methode stützt sich auf die Studien zum Simultankontrast und Sukzessivkontrast (Johannes Itten, „Kunst der Farbe“).
Der direkteste Weg, ein Phantom wahrzunehmen, ist der Blick in eine brennende Glühbirne mit anschließendem Schließen der Augen. Das entstehende Nachbild (After-image) ist das primäre „Phantom“, dessen Eigenschaften in dieser Strömung untersucht und fixiert werden.

eine experimentelle, psychophysische Richtung
der moderne visuellen Kunst


Die Autorin
Olga Stein ist Künstlerin und die Schöpferin der Avantgarde-Bewegung Polyphantom-Art
Polyphantom-Art
Entymologie

Poly – (aus dem Griechischen πολύς / polýs) – „viele“, „zahlreich“.
Phantom – (aus dem Griechischen φάντασμα / phántasma) – „Phantom“, „Vision“,
von - φαίνειν / phaínein – „sichtbar machen“.
Olga Stein ist Künstlerin und die Schöpferin der Avantgarde-Bewegung Polyphantom-Art
Definition von Polyphantom Art
Polyphantom-Art ist eine experimentelle psychophysische Richtung in der bildenden Kunst,
bei der das Hauptmaterial des künstlerischen Ausdrucks der Nachbild-Phantom ist –
ein inneres, illusionäres Phänomen, das beim visuellen Wahrnehmen eines Naturereignisses
oder eines materiellen Objekts, also eines Bildes, entsteht.

Die Möglichkeiten der Farbwahrnehmung allein durch visuelle Phantome zu erweitern,

ist, als würde man dem Betrachter zugleich beide Seiten des Mondes zeigen.

Wissenschaftlicher, historischer und theoretischer Kontext
Das Phänomen des Nachbildes (Phantoms) wurde seit Langem von Ärzten, Physiologen und Farbtheoretikern erforscht.
Es wurde im Zusammenhang mit den Studien über sukzessive und simultane Kontraste von vielen bekannten Künstlern ausführlich beschrieben.
Doch bis heute hat niemand dieses Phänomen als Hauptmaterial zur Schaffung von Kunstwerken verwendet.

Nachbild und seine Wahrnehmung
Hermann von Helmholtz – deutscher Physiker, Arzt, Physiologe, Psychologe und Akustiker – untersuchte und erklärte den Effekt des negativen Farb-Nachbildes.
Dieses Phänomen tritt auf, wenn nach längerem Betrachten eines farbigen Objekts und anschließendem Blick auf eine neutrale (weiße) Fläche ein „geisterhaftes“ Bild dieses Objekts erscheint, jedoch in der komplementären Farbe.
Nach rotem Objekt – grünlich-blaues Nachbild; nach blauem – gelbes.
Nachbilder entstehen gewöhnlich in den Pausen zwischen sakkadischen Augenbewegungen – den natürlichen, schnellen und ständigen Mikrobewegungen der Pupillen beim Betrachten, Lesen, Filmeschauen oder sogar im Schlaf.
Deshalb scheint das Nachbild ständig in Bewegung zu sein.

Komplementarität
Ewald Hering, deutscher Physiologe, schlug 1870 die Gegentheorie des Sehens vor.
Er erklärte, dass das visuelle System Farbe nicht als isolierte Reize verarbeitet, sondern durch das Zusammenspiel gegensätzlicher Farbpaare (Rot–Grün, Blau–Gelb, Weiß–Schwarz).
Diese Paare existieren als „Gegenspieler“ und erzeugen Nachbilder, wenn Netzhautzellen, die durch eine Farbe erregt wurden, anschließend auf die entgegengesetzte reagieren.

Vibration
Robert Darwin (1786), der Vater von Charles Darwin, beschrieb dieses Phänomen erstmals ausführlich.
Er unterschied zwei Arten von Nachbildern:
Negative – auf dunklem Hintergrund,
Positive – auf hellem.
Nachbilder scheinen zu vibrieren, wechseln zwischen hellen und dunklen Phasen, schwächen sich allmählich ab und verschwinden schließlich.

Illusorik
Johann Wolfgang von Goethe beschrieb in seiner Farbenlehre diese visuellen Effekte als „phantomhafte Spektren“ oder „illusorische Farbformen“, die nicht außen, sondern innerhalb des menschlichen visuellen Systems entstehen.
Er war überzeugt, dass Farbwahrnehmung nicht die Reflexion des Lichts ist, sondern eine innere Aktivität des Sehens, die eigene visuelle Formen erschafft.

Vergänglichkeit
Der Moment des hellen Aufleuchtens des Phantoms wird stets von seinem schnellen, rhythmischen Verlöschen und Verschwinden abgelöst.
Auch dies erklärt sich aus der Physiologie des menschlichen Sehapparates.

Energie
Kasimir Malewitsch behauptete, dass Farbe, befreit von gegenständlichem Inhalt, eine eigene Energie besitzt – eine innere Kraft, die unabhängig von der Form ist.
Ein mit Licht und Farbe aufgeladener Phantom trägt daher dieselben Eigenschaften und kann als Material für die Schaffung von Kunstwerken verwendet werden.

Dynamik
Wassily Kandinsky sah in der Farbe Bewegung, Temperatur und Stimmung – ein lebendiges, dynamisches Wesen, das innere Zustände und geistige Spannung übermitteln kann.
Tatsächlich ist das Phantom seiner Natur nach sehr metaphorisch, beweglich und assoziativ-dynamisch.

Veränderlichkeit
Josef Albers, Professor am Bauhaus, entwickelte ein einzigartiges Lehrsystem, in dem die Farbtheorie nicht auf strengen wissenschaftlichen Gesetzen, sondern auf persönlicher Wahrnehmung und praktischer Erfahrung basierte.
Er experimentierte mit Formen und Vorbildern und untersuchte, wie das Auge auf Kontrast, Nähe und Wechselwirkung von Farben reagiert.

Sein Buch Interaction of Color ist ein grundlegendes Werk zum Verständnis der Relativität der Farbe – wie die Wahrnehmung von Farbton vom Kontext, Hintergrund, Licht und sogar von der Stimmung des Betrachters abhängt.

Erfahrung des Autors
Die Jahre 2022–2023 wurden zu einer Zeit erstaunlicher Entdeckungen:
Während meiner praktischen Studien zu aufeinanderfolgenden und gleichzeitigen Kontrasten im Kurs Farbe in der Malerei gelang es mir, ein Nachbild aus meinem eigenen Bewusstsein zu extrahieren und auf einer äußeren kreativen Oberfläche zu fixieren.

Jetzt besteht meine Aufgabe als Künstlerin darin, diesen Wahrnehmungszustand in eine bildnerische Sprache zu zu verwenden.

Von wissenschaftlichen Experimenten zur malerischen Methode
Polyphantom-Art ist meine persönliche Metaphysik des Sehens.
Als Künstlerin interessiert mich, die Welt nicht in ihren gewohnten Farben zu sehen, sondern in ihrer polyphantomischen Reflexion.

Polyphantomische Elemente zusammen mit realen Objekten in Kompositionen einzuführen, schärft das Empfinden von Vergänglichkeit, das Fehlen oder Vorhandensein von etwas Bedeutendem, Wandelbarkeit und sogar die Ironie der stets schwer fassbaren Wirklichkeit.

Der Polyphantom ist mein künstlerisches Material — ist meine neue Sprache der Kommunikation mit der Außenwelt.

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